StartseiteTagebuchVorträge

Das Hamburgische Ulmenprogramm

Kurzfassung des Vortrags von Dr. Gordon Mackenthun, Ulmen Büro Hamburg,
auf der Jahrestagung der Gesellschaft Deutsches Arboretum 2008 in Neukirchen-Vluyn

Die Holländische Ulmenkrankheit ("Ulmensterben") hat weltweit
bislang mehrere Millionen Ulmen getötet. Die Epidemie war so
verheerend, dass vielfach alle Hoffnung aufgegeben wurde, Ulmen
überhaupt erhalten und schützen zu können.

Es lässt sich jedoch feststellen, dass weit mehr Bäume die Epidemie
überlebt haben, als zunächst angenommen. Außerdem verfügen
inzwischen einige Städte in Westeuropa über erfolgreiche
Ulmenprogramme. Diese Beispiele haben die Behörde für
Stadtentwicklung und Umwelt / Landschafts- und Grünplanung und
das Ulmen Büro in der Überzeugung bestärkt, dass im Rahmen
eines zielgerichteten Programms die Ulmenbestände erhalten und
erweitert werden können.

Dahinter stehen wichtige ökologische Aspekte:

• Hamburg liegt im Verbreitungsgebiet aller drei einheimischen
Ulmenarten (Berg-, Feld- und Flatterulme). Mit dem Programm
wird der natürliche Artenreichtum stabilisiert und nachhaltig
erweitert. Die genetische Diversität wird erhalten und vergrößert.

• Wasserabhängige Ökosysteme sind in Hamburg naturgemäß
weit verbreitet. Gehölze spielen bei der Erhaltung wie bei der
Renaturierung solcher Systeme eine herausragende Rolle.

• Die Umweltkonferenz von Rio de Janeiro im Jahr 1992,
zentrale Vorschriften der Europäischen Union (FFH-Richtlinie, Vogelschutzrichtlinie, Wasser-Rahmenrichtlinie) sowie das nationale Recht zielen auf eine nachhaltige Sicherung der einheimischen Flora und Fauna, ihrer Habitate und ihrer Umweltbedingungen. Das Hamburgische Ulmenprogramm leistet einen Beitrag dazu.

• Angesichts der globalen Klimaveränderungen mit erheblichen Auswirkungen
auf die Flora und Vegetation erscheint es sinnvoll, die Vielfalt innerhalb des
Baumbestands zu stärken. Damit kann eine der Voraussetzungen geschaffen
werden, dass dieser sich flexibel an die veränderten Umweltbedingungen
anpasst.

Im Jahr 2002 wurde das Hamburgische Ulmenprogramm begonnen.

Ziele

Das städtischen Grün wird in seinem Bestand und seiner Vielfalt gesichert und
erweitert. Zu den weitreichenden Auswirkungen gehören die attraktive Gestaltung
von Straßen, Plätzen und Parks, die Sicherung des Lebensraums für Vögel und
Kleinsäuger, die Reduzierung der Staub- und Feinstaubbelastung, die Verminderung
ungebundenen Kohlendioxids und vieles mehr.

Über die Laufzeit des Programms soll der Ulmenanteil am gesamten Baumbestand
der Stadt Hamburg von 0,2 % auf 2,0 % verzehnfacht werden.

Die Attraktivität einer Stadt ist immer auch ein herausragender Faktor bei der Wahl
von Standorten von Wirtschaftsunternehmen. Nach der Bereitstellung qualifizierter
Arbeitskräfte und einer leistungsfähigen Infrastruktur stehen die Lebensqualität in der
Stadt und die Freizeitmöglichkeiten in ihrem Umland an dritter Stelle der Rangskala.
Das Hamburgische Ulmenprogramm trägt langfristig dazu bei, die Standortvorteile
Hamburgs zu wahren und zu fördern.

Methoden

Die sechs Arbeitsfelder des Hamburgischen Programms sind:

• die Erfassung des vorhandenen Ulmenbestands und möglicher zukünftiger
Ulmenstandorte (Straßen, Parks, sonstige öffentliche Flächen,
Privatgrundstücke),

• das Monitoring (kontinuierliche und flächendeckende Beobachtung auf
Krankheitssymptome),

• die Sanierung (Baumhygiene, Baumpflege, Entfernung von Befallsherden,
Behandlung von infiziertem Pflanzenmaterial),

• die vorbeugende Impfung gefährdeter Ulmen mit dem niederländischen Mittel
"Dutch Trig" (inzwischen amtlich zugelassen),

• Neupflanzungen in großem Maßstab (teils mit herkömmlichen, einheimischen
Arten und Sorten, teils mit resistenten Neuzüchtungen) und

• die Schulung behördlicher Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter, Information der
Fachöffentlichkeit, Zusammenarbeit mit Verbänden, Öffentlichkeitsarbeit.
Es gibt keine andere Stadt in Deutschland, und auch europaweit nur wenige, die
über ein ähnlich anspruchsvolles Programm verfügt.

Erfolge

Die Erfassung des Ulmenbestands in der Stadt ist weit fortgeschritten. Zu Beginn
des Programms wurden 529 Ulmen als Straßenbäume gezählt, 0,2 % des Bestands.
Für Parks und Grünanlagen, Privatgrundstücke und Wälder kann der gleiche
Prozentsatz angenommen werden. Inzwischen hat sich die Zahl der Straßenbaum-
Ulmen fast verdreifacht auf rund 1400. Ganz überwiegend handelt es sich bei den
neu gepflanzten Ulmen um hochresistente Sorten wie 'New Horizon', 'Columella' und
andere.

Im Jahr 2006 konnte erstmals der gesamte bekannte Hamburger Ulmenbestand
einer systematischen Beobachtung auf Krankheitssymptome unterzogen werden.
Ein Jahr später gab es in einem der sieben Hamburger Stadtbezirke keinen einzigen
bekannten Befall mit der Holländische Ulmenkrankheit. In drei weiteren
Stadtbezirken bewegt sich die Infektionsrate um die 1-%-Grenze. In den östlichen
und südlichen Stadtbezirken jedoch bereitet die Situation noch Sorgen.

Ein erkrankter Baum wird in kurzer Zeit zu einem Brutbaum für die Ulmensplintkäfer.
Er muss so schnell wie möglich gefällt und gründlich unschädlich gemacht werden.
Hierzu wurden die entsprechenden Routinen in den Stadtbezirken entwickelt. Das
Hamburgische Ulmenprogramm funktioniert nur durch das Zusammenwirken vieler
unterschiedlicher Menschen und Institutionen. Alles zusammen sind sicher mehr als
100 Kolleginnen und Kollegen am Erfolg des Programms beteiligt.

Ausblick

In den Jahren seit 2002 wurden die Mittel und Möglichkeiten eines erfolgreichen
Ulmenmanagements entwickelt, erprobt und verbessert. Trotz beachtlicher Erfolge
bleibt viel zu tun. Im Osten der Stadt ist ein Befallsherd noch nicht unter Kontrolle,
die Zusammenarbeit zwischen den Verwaltungsressorts kann weiter verbessert
werden, eine stärkere Einbeziehung der Bevölkerung ist notwendig. Aber schon jetzt
ist Hamburg das Modell für das erste ernst zu nehmende Unterfangen dieser Art in
diesem Land seit 80 Jahren, getreu dem Motto des britischen Ökologen Oliver
Rackham: "Ulmen sind auf keinen Fall eine verlorene Sache".